Eingeschränkte Streckung & Beugung im Kniegelenk: Infos & Übungen
Nach einer Operation (z. B. am Kreuzband oder Meniskus) oder einer Verletzung kann es sein, dass du dein Knie im Vergleich zum gesunden Bein nicht richtig strecken oder beugen kannst. In den ersten Wochen ist dieser Zustand völlig normal und eine häufige Begleiterscheinung des Heilungsprozesses.
Dennoch fragen sich viele Betroffene: Warum ist das Knie so steif? Wann wird ein Streckdefizit gefährlich für den Körper? Und wie werde ich schmerzfrei wieder voll beweglich? In diesem Ratgeber erklären wir dir die Ursachen, den Unterschied zwischen funktionellen und strukturellen Einschränkungen und warum dein Schmerz beim Training als wertvoller Kompass dient.
Warum lässt sich das Knie nicht beugen oder strecken?
Um die passende Therapie zu finden, unterscheiden Physiotherapeuten und Ärzte zwischen zwei grundlegenden Formen der Bewegungseinschränkung:
Funktionelle Einschränkungen:
Wenn du frisch verletzt oder operiert bist, erzeugt dein Körper oft unbewusst eine erhöhte Muskelspannung im Wundgebiet, um das Gelenk vor weiteren Schäden zu schützen. Dieser Zustand wird durch Schwellungen, Schmerzen und Angst vor Bewegung verstärkt. Durch sanfte Physiotherapie und gezielte Reha-Übungen lässt sich diese Schutzspannung hervorragend abbauen.
Strukturelle Einschränkungen:
Hier ist das Körpergewebe selbst weniger elastisch oder verklebt (z. B. verkürzte Kapseln oder übermäßiges Narbengewebe). Diese Formen sind zeitaufwendiger und müssen konservativ Schritt für Schritt aufgedehnt werden.
Arthrofibrose (Gelenksteife): Wenn Narbengewebe das Knie blockiert
Bei der Wundheilung nach einer OP (z. B. Kreuzband- oder Meniskus-Eingriff) sorgen Bindegewebszellen (Fibroblasten) für die Bildung von Narbengewebe. Geraten diese Prozesse durch Schmerzen, Entzündungen oder falsche Belastung aus dem Gleichgewicht, kann es zu einer überschießenden Narbenbildung kommen: der sogenannten Arthrofibrose.
- Warnsignal: Die Beweglichkeit deines Knies wird im Laufe der Therapie trotz Training schlechter statt besser.
- Was tun? Halte Rücksprache mit deinem Arzt oder deiner Ärztin. Regelmäßige, sanfte Bewegungsübungen helfen, das Narbengewebe wieder geschmeidig zu machen.
Wichtig ist: Nicht jede Bewegungseinschränkung ist eine Arthrofibrose.
Das Streckdefizit: Warum die volle Streckung so wichtig ist
Warum ist ein Streckdefizit so problematisch?
Die volle Streckung ist essenziell für das Gehen ohne Krücken. Selbst ein kleines Defizit verändert dein Gangbild massiv. Dein Körper versucht automatisch, das unvollständig gestreckte Knie auszugleichen: häufig durch ein leichtes Hinken.
Aus diesem Grund lautet die therapeutische Empfehlung: Eine Vollbelastung ohne Gehstützen (Krücken) sollte erst angestrebt werden, wenn die volle Kniestreckung wiederhergestellt ist!
Schneller Selbsttest: Wie stark ist deine Einschränkung?
- Leg dich flach auf eine Matte auf den Rücken und strecke beide Beine aus.
- Der Test: Versuche, eine Handfläche flach unter deine Kniekehle zu schieben.
- Auswertung: Liegt die Kniekehle deines gesunden Beins flach auf und passt unter das betroffene Knie mühelos eine Hand oder sogar eine Faust? Dann liegt ein messbares Streckdefizit vor.
Das Beugedefizit: Wann wird die Beugung relevant?
Bei einem Beugedefizit kommst du im Vergleich zum gesunden Bein nicht mehr voll in die Kniebeugung.
In den ersten Wochen nach einer OP ist eine eingeschränkte Beugung weniger problematisch als eine eingeschränkte Streckung. Kritisch wird es jedoch später:
- Im Alltag: Zum schmerzfreien Treppensteigen und Fahrradfahren benötigst du eine deutliche Beugefähigkeit im Kniegelenk.
- Im Sport: Um zu deinen Lieblingssportarten zurückzukehren und erneuten Verletzungen vorzubeugen, sollte die Beugung im Vergleich zur Gegenseite wieder annähernd symmetrisch sein (maximal 10–15° Unterschied).
Tipp: Wenn du dir unsicher bist, wie viel Grad Beugung dir noch fehlen, lass den Bewegungsumfang von deinen Physiotherapeut:innen exakt nachmessen.
3 einfache Übungen für Zuhause
Übung 1: Kniestreckung in Bauchlage
Lege dich auf den Bauch und stelle deine Füße auf. Übe zunächst mit deinem gesunden Bein. Spanne deinen Oberschenkel an und drücke deine Kniekehle nach oben. Dein Knie streckt sich dabei. Löse die Spannung wieder und wiederhole die Übung.
Übung 2: Fersengleiten
Setze dich auf den Boden. Platziere ein Handtuch unter deiner Ferse und halte die Enden des Handtuchs fest. Ziehe das Handtuch zu dir heran um dein Bein zu bewegen. Je mehr du es zu dir heran ziehst, desto weiter beugst du dein Bein.
Übung 3: Knieende Mobilisation
Führe diese Übung nur durch, wenn du dein Kniegelenk bereits belasten darfst. Gehe auf die Knie und stelle dein verletztes Bein nach vorne auf. Lege deine Hände auf deine Hüften. Bewege nun deine Hüfte langsam nach vorne und beuge dabei dein vorderes Knie. Je weiter du dein Gewicht nach vorne verlagerst, desto stärker beugst du dein Knie.
Die Rolle von Schmerz: Dein Körper als Signal
Nach einem Eingriff ist dein Körper extrem aufmerksam. Schmerz ist in dieser Phase ein sehr sinvolles Instrument deines Körpers: Er zeigt dir genau, wie viel Ruhe und wie viel Bewegung dein Gewebe gerade verträgt.
Damit du dich im Reha-Alltag sicher fühlst, beherzige diese drei Grundregeln:
- Höre auf dein Gefühl: Trainiere in den ersten Wochen ganz entspannt im schmerzfreien oder nur leicht schmerzenden Bereich. So gibst du dem Gewebe Raum zur Regeneration.
- Sanftheit statt Kraft: Auf keinen Fall solltest du versuchen eine größere Beweglichkeit mit Gewalt herbeizuführen, dies könnte deinen Zustand verschlechtern.
- Geduld zahlt sich aus: Wundere dich nicht, wenn nicht jede Übung von Anfang an gut funktioniert. Geduld und regelmäßiges Wiederholen der Übungen sind der Schlüssel zur Verbesserung.
Wie kann ich Bewegungseinschränkungen nach einer Verletzung oder OP vorbeugen?
Um Bewegungseinschränkungen gar nicht erst entstehen zu lassen, kannst du bereits vor der Operation aktiv werden (sogenanntes Prehab-Training). Wenn du mit guter Kraft, optimierter Beweglichkeit und ausgeruht in die OP gehst, erholst du dich danach nachweislich schneller.
Unmittelbar nach dem Eingriff gilt dann: Starte so früh wie möglich mit leichten, schmerzfreien Bewegungsübungen, um Verklebungen von Beginn an entgegenzuwirken.
Finde dein passendes Training in der Orthopy App: Egal ob Operations-Vorbereitung (Prehab) oder gezielter Reha-Trainingsplan nach Knie-OP: In der Orthopy App findest du genau auf deine aktuelle Bewegungseinschränkung abgestimmte Übungen, die dich sicher durch den Heilungsprozess begleiten!
Quellen
- Antje Hüter-Becker, M. D., Michael Fresenius, Stephanie Fresenius, Christian Münzing, Florian Schneider, Heide Suger-Wiedeck, Bärbel Trinkle (2016). Physiotherapie in der Traumatologie/Chirurgie, Georg Thieme Verlag.
- Fritz Uwe Niethard, J. P., Peter Biberthaler (2017). Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie, Georg Thieme Verlag.
- Hüter-Becker (2016). Therapie von Bewegungseinschränkungen. Das Neue Denkmodell in der Physiotherapie, Georg Thieme Verlag KG: 353-373.
- Stein, T., W. Schoch and D. Niederer (2020). „Multiligamentäre Kniegelenkverletzungen – Therapieempfehlungen für die Frührehabilitation.“ Sportphysio 08(03): 118-124.
- Traut, P. and U. Rückert (2020). „Mythos Verklebung – Update Arthrofibrose.“ physiopraxis 18(01): 32-37.
- van Duijn, A. (2015). „Meilensteine in der Rehabilitation von Patienten nach Ersatzplastik des vorderen Kreuzbandes.“ Sportphysio 03(02): 69-77.